Bassing Ben

…and the sense of anything.

sentio hero
Wenn aus Shoppen Ernst wird.

Killer Kart – Einkaufswagen des Todes

AllgemeinAlltagSatire

Der Einkaufswagen des Todes

Ich liege gerade auf meinem Sofa, verarzte meine Wunden an der Ferse und schreibe erschöpft diese Zeilen. Mir ist bewusst, das man nicht immer das Schlechteste von allen Menschen erwarten sollte (auch weil so etwas schnell paranoide Züge gewinnt), aber meine Ferse spricht heute eine andere Sprache.

Kurz, vielleicht nur hundertstel Sekunden, konnte ich zwischen den Kellogs-Packungen Ihre Augen sehen. Der bloße Gedanke daran jagt mir noch immer einen kalten Schauer über den Rücken. Sie wirkten fast… boshaft und leer. Ich bin dankbar und froh es nach Hause geschafft zu haben. Mein Kater, welcher von der Lehne meines Sofas seinen Kopf an den meinen stößt… Danke Kumpel! Eine Sekunde dachte ich, heute ist es soweit. Ich schaff es nicht mehr. In diesem Moment läuft mir eine Träne das Gesicht hinab und ich kann mich nur schwer zusammenreißen, weil ich daran denken muss, wie ich Sie zurück lassen musste. Gott!!! Ich habe es wirklich versucht.

Eigentlich begann alles ganz unauffällig. Wie so häufig zuvor, kam ich mit dem Fahrrad an und schloss es an einem der Ständer fest. Strahlender Sonnenschein. Ich lächelte selig und meine innere Gemütslage pfiff alte Songs schönerer Tage. Von diesem Punkt an sollten es jedoch nur noch wenige Schritte bis zur Hölle sein. Ich ging zum Eingang und die Tür öffnete sich selbstständig. Fast. Bis zur Hälfte. Im Nachhinein betrachtet hätte das vielleicht schon ein erstes Omen für mich sein sollen. Ich schenkte ihm aber keine Beachtung und schob stattdessen die Tür gegen den Widerstand des funktionsunwilligen, elektrischen Motors auf und schlüpfte durch die Öffnung sobald sie groß genug war. In dem Moment, als ich nur noch künstliches Licht wahrnahm, befand ich mich in Ihrem Revier. Sie hatte sich nicht angekündigt und ich konnte Sie nirgends zuvor sehen, aber es war ihr Revier und sie würde mich das spüren lassen. Das erste “Chantale” erklang, aber ich hatte es überhört. Vielleicht weil diese tiefe, gegerbte Stimme so unwirklich klang und so schwer einem Geschlecht zuzuordnen war. Mit jedem Schritt, den ich weiter in den Raum machte, schwanden die Aussichten meines unbeschadeten Entkommens. Ich schaute links einen Gang entlang und sah am Ende etwas vorbei huschen. Zu diesem Zeitpunkt dachte ich noch, ich hätte es mir nur eingebildet, aber das sollte ein Irrtum sein.

[Der auf youtube veröffentlichte Kurzfilm „Killer Kart“ zeigt eindrucksvoll wie gefährlich Einkaufswagen tatsächlich werden können. Eine klare Bassing-Ben-Empfehlung!]

 

 

Im Gang mit den Pflegeprodukten griff ich zielstrebig nach dem Rasierschaum. Langsam wurde mir klar, dass hier nichts so harmlos war, wie es noch zuvor zu sein schien. Ich nahm den Schaum und ging zur Kühlabteilung und dabei passierte es das erste Mal. Mein Gegner griff mich rücksichtslos und mit voller Härte an. Eine Frau, groß und breit wie zwei Häuserblöcke und behaart wie ein Walross fuhr mir mit Ihrem Einkaufswagen in den Rücken. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass ich kurz halten würde, um nach der veganen Margarine zu greifen, was sie mit einem vorwurfsvollen Blick zu verstehen gab. Aber ich wusste es besser. Erkannte das Blitzen im Weiß ihrer Augen. Genau in diesem Moment realisierte ich, in welcher Gefahr ich mich befand und dass ich nur noch ein Ziel haben konnte: Raus hier.

Dennoch war mein nächstes Ziel zunächst Brot.

Im Augenwinkel beobachtete ich das Vorgehen meines Feindes. Sie war laut. Sie schimpfte mit dem kleinen Jimmy. Vielleicht war das meine Chance? Vielleicht würden sie sich selbst gut genug ablenken, damit ich einfach verschwinden konnte. Jimmy schreit. Meine Chance! Ich gehe los, meine Schritte werden raumgreifender und mein inneres Pfeifen verstummt. Die Sinne geschärft folge ich nur noch meinen Instinkten. Sie schickt Jimmy weg, irgendwas soll er holen. Rechts? Links? Ich bin mir nicht sicher. Ich wechsle einen Gang später die Seiten und halte das für eine glorreiche Idee. Von dort sind es nur wenige Meter bis zum Brot. Leider funktioniert es nicht. Direkt vor meinem Brot stand bereits wieder ihr Wagen. Diese lauten, furchteinflößenden und meist schrecklich blassen Frauen haben das Talent, einmal entdeckt, nie wieder zu verschwinden. Irgendwo im Laden kreischt Jimmy. Gut, wann wird Jimmy bei der extremen Aufmerksamkeits-Vollversorgung mal nicht kreischen? Kreischen könnte ihre normale Verständigungsform sein. Ich nahm das Brot und ging. Weiter zur Tiefkühlpizza. Kein Wagen. Kein Jimmy. Es fehlten nur noch 250 Gramm Konfitüre… und die Chancen das zu ändern lagen bei Null. Zwischen mir und der Konfitüre stand ein Wühltisch mit Qualitäts-1-Euro-Produkten. Links vom Regal mit der Konfitüre war die Hackfleisch-Ecke. Diese Ecke wurde durch Familie “Kreisch” komplett bis in den letzten Winkel ausgefüllt (vielleicht weil Familie Kreisch doch viel eher Familie Hackfleisch war). Ich sah Jimmy wie er mit seinen schmutzigen Fingern die Verpackungen eindrückte und Chantal, die gerade Jimmy eine klatschen wollte, dann aber vom mächtigen Gesäß ihrer Mutter erwischt wurde und direkt dahinter meine Waldfrucht-Konfitüre. In der Folge täuschten Sie an, den Gang rechts entlang zu gehen und ich wollte mich auf der entgegen liegenden Seite an Ihnen vorbei stehlen, aber plötzlich kehrten sie wieder um. Jimmy rannte los. Jimmy kam wieder. Dieser Vorgang wiederholte sich mehrfach. Und immer spielte Hackfleisch dabei eine übergeordnete Rolle. Ohne mich selbst in höchste Gefahr zu bringen schien es mir einfach nicht möglich meine Konfitüre zu holen. Es gab nur eine vernünftige Entscheidung um nicht das ganze Team zu opfern: Ich musste sie zurücklassen.

 

Als ich an der Kasse stand und mein Ziel zum Greifen nah war (ich konnte sogar wieder erste Lichtstrahlen sehen), spürte ich erneut einen Einkaufswagen in meinen Fersen. Jimmy schob. Unerbittlich. Ich konnte nicht ausweichen. Mein großes Problem war, der noch verbliebene Platz auf dem Laufband. Es gibt nämlich eine Faustregel: Ist noch Platz auf dem Band ist auch Platz in der Schlange! Frau “Hackfleisch” entging dieser Platz natürlich nicht und so gab es für sie nur noch ein einziges Ziel: das Hackfleisch musste auf das Laufband! Im selben Moment bekam Chantal endlich die Gelegenheit und zimmerte Jimmy eine rein. Jimmy heulte. Natürlich nicht leise schluchzend, sondern laut kreischend. Ihre Mutter wies die beiden daraufhin fürsorglich zurecht endlich die Schnauze zu halten und rammte mir wieder den Wagen in die Ferse. Sie hatte noch eine weitere Packung Hackfleisch und diese ließ ihr einfach keine Ruhe. Das einzige was zwischen ihr und dem, was zu passieren hatte, stand, war ich Vollidiot, der die bereits angesprochene Kassenregel nicht einhielt. Natürlich, vor mir stand ein glatzköpfiger, polnischer Bauarbeiter, der seinen Arbeitstag nur mit Zigarettenpausen unterbrochen hatte, aber sollte das schon Grund genug sein, nicht platzsparend “aufzufahren”? Immer weiter rammte Sie mir den Einkaufswagen in die Ferse und ich, weich und dämlich, wie ich bin, wich jedes Mal zwei, drei kleine Schritte nach vorne aus und kam Pjotr immer näher… Sie hatte mich genau da, wo sie mich haben wollte. Sie würde auch nicht aufhören, wenn ich und der Bauarbeiter unser erstes, gemeinsames Kind nach ihr benennen würden. Der Versuch an etwas Schönes zu denken schien mir auf den zweiten Blick bereits der Gang zum Licht am Ende des Tunnels zu sein. Geistig hatte ich bereits aufgegeben, da öffnete, einem Wunder gleich, eine weitere Kasse. Wie eine Motte vom Licht angezogen wird, so zog es auch Familie Hackfleisch hinter mir an. Mit der rechten Hand griff sie bereits auf dem Band liegende Waren (es war Wahnsinn, wie viel Sie mit dieser einen Schaufel greifen konnte) und schob mit der linken Hand im selben Moment den Wagen los. Im letzten Moment konnte ich ausweichen um nicht unter ihren vier kleinen Rädern kleben zu bleiben. Die Spannung fiel erst von mir ab als ich meine 11,67 EUR bezahlte und den Laden verlassen durfte. Ich fühlte mich wie neugeboren.

 

Diesmal hatte ich Glück. Meine Kater legt sich neben mich. Die Verletzungen werden heilen. Die Angst, es könnte wieder passieren, wird bleiben. Dieser Herausforderung werde ich mich stellen. Müssen.

euer
Bassing Ben

 

(Faustregel: Ist noch Platz auf dem Band ist auch Platz in der Schlange!)

 

Seht euch das Video von FSU College of Motion Picture Arts auf Youtube an. Bei meinen Arbeiten an diesem Beitrag bin ich über dieses Video gestolpert, das offensichtlich deutsche Verhältnisse nochmal etwas überflügelt. Kleine Empfehlung und Verzicht auf eigenes Bildmaterial.

 

Où est mon amour?

Liebe

Où est mon amour?

Où est mon amour ist keine Frage, die man sich gerne am Valentinstag stellt und doch stellen so viele Menschen sich diese Frage. Liebe ist vermutlich das menschlichste aller Gefühle. Der Wunsch nach Anerkennung, Geborgenheit und Sicherheit. Große Egoismen helfen uns dabei, das wir uns zeitweise an uns selbst berauschen, doch niemand kann den Blick von dem glücklichen Pärchen am Strand nehmen, wenn er zu lange alleine war. Tief im Inneren fehlt es. Nicht das Gefühl geliebt zu werden, sondern viel mehr das Gefühl lieben zu dürfen. Die Zeit lässt einen taub werden. Kann ich Dich noch erkennen, wenn Du endlich da bist?  Lass ich Dich gehen, weil ich zu verunsichert bin, um Dich festzuhalten?
Die wiederholenden Enttäuschungen lassen uns schwach werden, den Glauben verlieren. So sehr, das selbst die Frage „Wo ist meine Liebe?“ ein Geschenk der Hoffnung ist.

Liebe kann euch niemand in einem Karteikasten oder per Knopfdruck verkaufen. Lasst euch euer Innerstes nicht nehmen, wenn ihr zu schwachem Ersatz greift um das Gefühl der Ohnmacht zu betäuben. Liebe fängt bei uns selbst an.

Zum diesjährigen Valentinstag dürft ihr unter dem Link „Milchkaffee mit Schaum“ einen kleinen Brief lesen, den ich vielleicht hätte schreiben sollen und nicht zuletzt dürft Ihr euch ein Video ansehen, auf dem ich das erste Mal meinen Beast-Bass spielte. Die Frage, die ich mir zu dem Klang der Saiten stellte, lautete „Où est mon amour?“. Wo ist meine Liebe? Die Antwort ist gar nicht so schwer. Vielleicht kennt ihr sie schon.

Einen schönen Valentinstag wünscht euch,
euer
Bassing Ben

Milchkaffee mit Schaum

 

Happy New Year

Happy New Year 2017!

AllgemeinBass

Happy New Year 2017

Bassing Ben wünscht allen Basser und Nicht-Bassern da draußen a Happy New Year 2017!

Feiert die Feste, wie Sie fallen und denkt immer an eure ganz eigene Bass-Linie, denn wenn es eines da draußen schon viel zu viel gibt, dann sind es schlechte Kopien.

Der Blog Bassing-Ben, welchen ich erst im Spätsommer 2016 begonnen habe, soll auch in 2017 weiter wachsen. Nach dem ich nun den „Social Media“ den Rücken gekehrt habe, hoffe ich umso mehr Energien hierfür frei zu haben. Bassing-Videos und Musikstücke sind in Arbeit, kleinere Texte drängen sich schon seit längerem auf und auch Leon und Oliver sollen nicht aus den Augen verloren werden. Viele Menschen gehen aus Tradition mit einem guten Vorsatz ins neues Jahr. Mein Vorsatz für das Jahr 2017 ist mehr eine Maxime: „Back to the Roots„. Zurück zu den Wurzeln. In einer schnelllebigen und oberflächlichen Welt ist es schwer geworden sich gegen die Ströme in den begradigten Flussbetten zu erwehren. Kein Grund um sich treiben zu lassen. Mit dem Bass in der Hand ist so ziemlich alles möglich. 😉

Stay tuned und frohes Neues!

euer
Bassing Ben

Hauke Hesse Wiedergänger

Der Dorffürst Teil 2 – [Halloween-Special]

AllgemeinGeschichteHalloweenSatire

[…fortsetzung von Teil I…]
Merklich kalt wurde es in Ottos Büro, trotz des zugefallenen Oberlichts. Erich sah zu Boden. Das alles machte wenig Sinn. Jahrhunderte? Weshalb sollte es eine Akte für einen seit Jahrhunderten verstorbenen Mann geben? Erich hatte viele Fragen, aber er war sich sicher die Antworten nur in dieser Akte zu finden.
“Otto… Ich brauche die Akte.”
Ächzend und stöhnend wie ein alter Wald lehnte sich Otto ein wenig nach vorne und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Den Standort eines vergessenen Kellers im vergessensten Raum des Gebäudes. Erich nahm seine Karte und legte sie Otto vor, damit er es einzeichnen konnte und bedankte sich. Er stand auf und schritt zur Tür. Eine merkwürdige Geschichte, die sich ihm dort offenbarte. Er suchte nach logischen Erklärungen, nach Verbindungen und…

“ÖÖöörich….”
Kurz vor dem Schließen der Tür zu Ottos Büro riss ihn dessen Stimme aus seinen Gedanken.
“Ööörich… kannst Du bitte das Oberlicht wieder öffnen? Ich kann doch hier nicht weg und meine Frau wirft immer dieser leckeren Bockwürste durch das Oberlicht zu…”
Ottos flehentlichem Blick entgegnete Erich mit einem sanften Nicken und öffnete das Oberlicht.
“Viel Glück, mein Freund!”, Erich schloss die Tür.
Auf dem Weg zum Keller ignorierte Erich die Grüße der Kollegen, die ihm unterwegs begegneten. Für ihn war es ein Sakrileg ein “Mahlzeit” und beantwortet zu lassen, aber er war so tief in den Mysterien seines Vorganges versunken, das er die Außenwelt kaum wahrzunehmen vermochte. Zu gerne glauben die Menschen, das es nichts Unerklärliches gibt. Nichts Übernatürliches. Nichts Böses. Es ist die Begrenztheit ihres eigenen, kleinen Verstandes, der zwanghaft versucht alles in der Hand zu behalten, aber seine Hände sind zu klein um alles halten zu können. Geheimnisse, die so tief und abgründig waren, durfte, konnte es nicht geben. Die Tür zu den Kellerräumen bestand aus schwerem Stahl und führte hinab in Katakomben, die hier bereits vor dem Bau der Behörden existierten. Dahinter lag ein modriger, feuchter Geruch und spärlich beleuchtete Gänge. Vom Hauptflur gingen mehrere Türen nach rechts und links ab, hinter welchen sich teils uralte Akten unzähliger Vorgänge befanden, die von unzähligen fähigen Kollegen bearbeitet wurden. Ein Kleinod dieser wundervollen Institution.

 

Erich fühlte sich hier unten keinesweg unwohl. Er selbst würde einmal hier unten in unzähligen Akten verewigt bleiben, was ihm in Angesicht eines späteren Ablebens ein tröstlicher Gedanke war. Mehr als ein Beruf. Dieser Job war mehr als ein Beruf. Erich folgte den schwach eingezeichneten Strichen auf seiner Karte und stieß weiter in die Katakomben vor. In einen Bereich, der keine Nutzung aufzuweisen schien. Langsam tastete sich Erich nach vorne. Das Licht hinter ihm wurde immer schwächer, je weiter er vorging. In einem versteckten Winkel befand sich auf dem feuchten, nicht befestigten Boden eine Art Truhe. Weit abseits der vorhandenen Türen und des Lichtes und kurzem Abstand zu einer lehmig erscheinenen Wand. Ohne das Wissen über ihre Existenz kaum aufzufinden. Erich griff nach dem Schloss und ein leise jammerndes Geräusch ertönte. Einen Moment hielt er inne und sah sich um. Nichts. Mit beiden Händen wischte sich Erich kräftig durchs Gesicht und atmete tief durch. Bei dem Schloss, das er in Händen hielt, handelte es sich um ein antikes Zahlenschloss mit vier einzeln verstellbaren Ziffern. Vermutlich aus dem 18. Jahrhundert. Erich kannte die Zahlenkombination von Otto. Mit Zeigefinger und Daumen drehte er an der ersten Zahl. Die erste Ziffer lautete ‘1’. Wieder hörte er ein Jaulen, das sich einer Stimme ähnlich anhörte. Es hörte sich wie ein “Nein” oder ein “Hein” an. Erich dachte darüber nach, ob er jemanden mit dem Namen Hein kannte, ohne dabei seine Aufgabe zu vernachlässigen. Die zweite Ziffer. Es war die ‘8’. Ein dumpfes, klopfendes Geräusch ertönte. Wirklich ein Klopfen? Es war so deutlich, das Erich laut “Herein” rief. Mehr der Versuch sich selbst zu beruhigen.

 

Das letzte Licht...
Das letzte Licht…

Das alte Schloss hakte und knarzte. Ein lautes “Mist!” kam Erich über die Lippen. Die dritte Ziffer schien sich einfach nicht einstellen lassen zu wollen. Ein Windzug ging durch die Katakomben. “Das kann doch einfach nicht wahr sein”, raunte er. Mit einem plötzlichen Erlöschen des Widerstandes durch das Schloss rastete die dritte Ziffer ein und jetzt war deutlich eine Stimme zu vernehmen, die ‘Nein’ rief und ein kräftiges Klopfen an der Wand vor ihm. Sogar etwas Lehm oder Erde schien aus der Wand zu brechen. Deutliches Unbehagen überkam Erich. Das Gefühl, sich nicht mehr sicher zu sein, ob er tatsächlich das richtige tat. ‘188-’ stand dort auf dem Zahlenschloss in seiner Hand. War er soweit gekommen um jetzt umzudrehen? Um es hier zu beenden und seine und die Ideale seiner Behörde zu verraten? Deutlich hörbar schluckte er. Erich schloss die Augen und drehte an der letzten Ziffer, die aus dem Nichts rufende Stimme ignorierend. ‘8’.

 

Mehr Lehm brach aus der Wand vor ihm, während Erich den Deckel der Truhe öffnete. Nur eine alte, zerfurchte Akte befand sich darin. Mit zittrigen Händen griff er danach. ‘Band 666 – Hauke Hesse’ stand auf dem Deckel. Immer mehr Lehm brach aus der Wand vor ihm. Erichs linke Hand griff nach dem Aktendeckel um ihn aufzuschlagen als… Oh mein Gott! BLUT! Aus dem Aktendeckel lief plötzlich Blut. Über seine Hände. Es tropfte in die Truhe. Das Klopfen war ein Hämmern geworden.  Erschrocken ließ Erich die Akte fallen und sprang auf, seine Hände waren mit Blut verschmiert. Wie konnte das passieren? Wie konnte eine Akte bluten? Plötzlich griff aus der Wand eine Hand nach ihm und verfehlte ihn nur knapp. Er wollte schreien, aber seine Stimme versagte. “Lauf”, rief die Stimme heiser aus dem Nichts. “Lauf!” Erich lief nicht. Er konnte den Blick nicht von der Wand nehmen, aus der jetzt ziegelsteingroße Lehmklumpen fielen und dem Arm, ein weiterer Arm folgte. Ein Mensch schien sich aus der Wand zu pulen wie ein Küken aus dem Ei. Merklich griffen die Hände nach ihm, aber waren nicht in der Lage ihn zu erreichen.

 

Langsam ging Erich kleine, ängstliche Schritte zurück, ohne den Blick von dieser merkwürdigen Gestalt aus der Wand zu nehmen bis… bis die Gestalt sich vollends aus der Wand befreit hatte. Vor ihm stand ein kopfloses Wesen, dreckig und verschlammt. Es sah aus als hätte es Ewigkeiten in der Wand verbracht, verdorrt und dürr, bewegte sich aber klar und kraftvoll. Dort wo der Kopf hätte sein sollen war nur ein riesiger Kragen zu sehen und die einzigen Geräusche, die es machte waren ein gurgelndes, dumpfes Knurren. In seiner Brust auf Höhe des Herzens steckte… ein Maiskolben! Wie der Blitz schlug es bei Erich ein. Hauke Hesse! War es möglich? Nein. Gab es eine andere Erklärung? Nein. Es musste so sein. Erich drehte sich um und wollte los laufen, dabei rutschte er weg und krabbelte einige Meter hektisch Richtung Ausgang. Schließlich richtete er sich auf und rannte Richtung Tür. Er schrie und seine Stimme kam langsam wieder. Unerwartet schnell folgte ihm das merkwürdige Wesen. Sie verließen die Katakomben und betraten die Amtsflure. Kollegen rannten Sie einfach über den Haufen. Beim Blick zurück sah Erich wie jeder Kollege, der von dem Wesen berührt wurde urplötzlich und sofort zu Staub zerfiel. Erich schrie. Laut. So laut er konnte. Es konnte nicht wahr sein, was passierte und dennoch geschah es. In seinem Kopf versuchte er sich einen Ausweg zu schaffen, eine Lösung finden, aber nichts fiel ihm ein. Hinter ihm das Wesen vermochte er nicht abzuschütteln.

 

Mit letzter Kraft und völlig außer Atem rannte er in den Flur seines Büros und dort zur Kaffeemaschine. Er würde diesem Monster zu seinem Mais heißen Kaffee servieren, soll es doch daran ersticken! Er kam in der kleinen Küche mit der Maschine an und drehte sich zur Tür. Hauke war dort. Langsam ging er rückwärts zur Kaffeemaschine, während seine Hand im Raum nervös nach der Karaffe zu greifen versuchte. Das Wesen seinerseits bewegte sich zielstrebig auf ihn zu. Seine Hand zuckte kurz zurück als sie die warme Karaffe spürte und griff dann sicher nach dem Henkel. Glück gehabt! Jetzt würde er dem Spuk ein Ende setzen. “Jetzt gibt es Mais mit Kaffee, eure Exzellenz!” Erich nahm die Karaffe und schleuderte sie dem kopflosen Fürsten entgegen. Sie traf und zerbrach. Nur Inhalt hatte Sie keinen. Der Kaffee war alle. Erich wusste, jetzt war es vorbei. Seine letzte Chance. Das Blut seiner Behörde hätte ihn retten sollen. Natürlich wollte er nicht aufgeben, aber was konnte er noch tun? Erich nahm all seine Kraft und all seinen Mut zusammen und schrie, während er dabei lossprang und versuchte durch die Beine des Kopflosen zu rutschen…

Staub. Das ist am Ende, was wir alle werden. Staub.

La Fin

Halloween-Mond

Der Dorffürst – Teil I [Halloween-Special]

Geschichte

Das Bassing-Ben-Halloween-Special

Der Herbst ist da. Es windet, regnet und wird merkwürdig gemütlich in der Ungemütlichkeit. Langsam segeln all die bunten Blätter zur Erde, entlassen von Ihren Bäumen, die sich für den Winter präparieren. Die Nächte werden stiller und länger und der Mond wacht über nebelfeuchten Dächern und tiefschwarzen Wäldern. Nur heisere Schreie durchzucken hin und wieder die Stille. Depressive Soziopathen, die nur mit Mühe die letzten Sommertage im Angesicht des eigenen Leides ertragen haben, betreten nun ihr Spielfeld. Lächeln verschmitzt, wenn Sarah ihren verscharrten Thomas nicht mehr finden kann.
Obgleich wir uns stets gegen den Gedanken verwahren: das Böse lebt unter uns und es erlebt in diesen schaurigen Herbsttagen seinen Höhepunkt. Im lauten Stimmengewirr der Geschäftigkeit verstecken sich die Ahnungslosen bis  der armen Seele der Schleier entrissen wird, der sie glauben lässt alles sei in Ordnung. Während die meisten an kandierten Äpfeln lutschen, erleben einige wenige die wirklichen Auswirkungen dieses einen, alljährlichen, letzten Oktober-Tages. Ich sehe es deshalb als meine Pflicht an, euch eine dieser fürchterlichen Geschichten zu überliefern… aber lasst das Licht an! Ihr könntet euch sonst womöglich im Dunkel der Nacht und dem Dickicht der Angst verlieren.

Euer Bassing Ben

 

[…Der Dorffürst…]

Es war ein nasskalter Herbstmorgen als Erich mit seinem in die Jahre gekommenen Drahtesel zur Arbeit gefahren ist. Ein Tag, wie so viele andere in seinem Leben. Das Leben eines Beamten ist in der Regel nicht zwingend eine Achterbahnfahrt. Fünf Jahre lang suchte er jeden Morgen das Büro mit der Raumnummer 312 D und seinem Namen “Blätterst…”…, “Staubw…”…. Bereits seit fünf Jahren sucht er jeden Morgen das Büro mit der Raumnummer 312 D und seinem Namen “Meier” auf. Das gewohnte Umfeld, wiederkehrende Rituale fühlten sich für ihn gut an und er liebte seinen Job.

 

Der Schimmelreiter von Franz-K. Basler-Kopp

Pünktlich auf die Minute war Erich jeden Morgen der erste, der den Amtstuben Leben einhauchte, in dem er das schwarze Gold durch ihre mürben Adern pumpte. Nur langsam erwachte das brachiale Behörden-Monstrum, und viele Kollegen verfielen noch in zombieske Stupiditäten, aber das beunruhigte Erich nicht. Er kannte die Abläufe zu genau um nervös zu werden und er wusste um die Effektivität seiner geliebten Behörde im entscheidenen Moment, wenn sie all ihre Kräfte bündelten und viele einzelne Wesen ein großes Ganzes ergaben.

 

Selbstzufrieden blickte Erich, in seiner Hand die Tasse mit der Aufschrift “Unsere Arbeit ist streng geheim! Wundern Sie sich nicht, wenn wir in ihrer Gesellschaft nicht arbeiten” und dem kochend heißen Kaffee darin, den Flur entlang und betrachtete all seine Kollegen, die langsam immer mehr Entschlossenheit entwickelten. “Moin Erich”, entgegneten ihm viele. Oft antwortete er nur mit dem jeweiligen Vornamen seines Gegenüber. “Karl-Heinz”, “Eckhardt” oder “Mike-Justin”. Wie so viele Male zuvor ging Erich in sein Büro und nahm sich seiner Arbeit an. Hinter ihm der Schrank mit den Akten, vor ihm die bevorstehenden Aufgaben. Er arbeitete einige Vorgänge ab bis er auf jenen traf, der sich um einen “Hauke Hesse” drehen sollte. Während es draußen den ganzen Tag nicht hell zu werden schien, überkam Erich ein Schauer als er den Namen vor sich hin murmelte. Sollte der Name ihm irgendetwas sagen? Er notierte sich das Aktenzeichen und suchte nach der Akte. Nur sie zu finden, schien ihm nicht möglich. Erich ging in das Nachbarbüro und fragte dort den Kollegen Mike-Justin, ob ihm der Name etwas sagen würde. “Hermann Hesse? Nee, noch nie gehört.”

 

Keiner schien Erich weiter helfen zu können, so dass ihm nur eine finale Möglichkeit blieb. Otto! Otto war der älteste Bedienstete im Haus und bereits seit einigen Jahren in Pension. Man konnte Otto seiner Zeit im Wortsinn nicht von seinem Arbeitsplatz lösen, weshalb er noch immer in seinem Büro saß, das allerdings keine Nummer mehr hatte (nach Ansicht der Behördenleitung war der Raum nicht mehr existent, wenn er keine Nummer besaß und damit der Fall gelöst). Otto wurde nur durch Wurfsendungen einiger älterer Kollegen und eine kaputte Wasserleitung am Leben erhalten. Einige Zeit musste Erich nach diesem Raum ohne Nummer suchen (auf seiner Karte war er nicht eingezeichnet), schlussendlich aber stand er vor seiner verschlossenen Tür. Er klopfte freundlich an und grüßte klar vernehmlich: “Mahlzeit Otto!” Ein leises Wispern schien die Reaktion zu sein. Kaum vernehmbar. Es hätte auch nur der Wind sein können, der durch diesen toten Teil des Gebäudes jagte.

 

Erich griff nach der Klinke, wollte eintreten und kollidierte mit der Tür. Verunsichert fragte er erneut nach Otto und vernahm wiederum ein kaum vernehmbares Wispern einer Stimme, die gefangen zu sein schien zwischen Tod und Leben. Gänsehaut überzog ihn und er dachte darüber nach einfach wieder in sein Büro zurückzukehren und den Vorgang verschwinden zu lassen. Seine Gedanken wanderten zu seinen Kollegen. Zu dem Bild, das sich ihm heute morgen geboten hatte. In Gedanken spürte er die Hitze seiner Tasse, gefüllt mit heißem, schwarzem Kaffee. Er konnte es nicht. Er konnte es nicht auf sich beruhen lassen, konnte all die Kollegen nicht enttäuschen. Erich ballte nervös die Faust und klopfte wiederholt an die Tür. “Otto, ich komm’ jetzt rein!” Erich stemmte sich mit seinen kompletten 65 Kilo in die Tür und ein wenig Staub rieselte vom Rahmen. Bewegung! Nach einigen weiteren Versuchen war der Spalt der Tür groß genug und er schob seinen hageren Körper in den Raum.

 

Der Raum war dunkel und trocken. Dichter Staub lag wie eine Nebelwand im Raum und die ersten Sekunden atmete Erich durch den Kragen seinen Pollunders. Das einzige Fenster war mit Brettern zugenagelt, nur durch ein geöffnetes Oberlicht trat etwas Licht und ein unangenehm fauliger Duft ein. Wobei faktisch wirklich alles in diesem Raum faulig roch.
“Ööööörrich”, krächzte es aus der hintersten Ecke. Erichs Augen verzogen sich zu einem Spalt und versuchten im Dunkel des Raumes einen möglichen Pensionär zu entdecken.
“Ööööörich”, wiederholte die Stimme. An einem anderen Tag wäre es wohl zumindest etwas heller gewesen, aber der tiefgraue Herbsthimmel tat sein übriges dazu. “Hallo?… Otto?”, fragte Erich zaghaft. Von draußen hörte man das Knarzen im Wind ächzender Bäume als plötzlich eine kalte, knöcherne Hand sein Handgelenk griff.
“Otto!!!” – “Örich!”

 

Wie zwei Hunde die sich auf dem Spaziergang ihrer Herrchen trafen und begrüßten, so begrüßten sich Otto und Erich. Herzlich. Es folgten die üblichen Floskeln, der eine sähe gut aus, der andere auch und was man denn so gemacht hätte die vergangenen Jahre. Nun, im Fall von Otto war das ziemlich eindeutig. Langsam gewöhnten sich auch die Augen an die Dunkelheit und Erich vermochte sogar die einen oder anderen Einzelheiten zu erkennen. Keine schönen, gewiss. Im Oberlicht hingen noch vergammelte Essensreste und von Otto war nur ein von einem Schreibtisch eingemauerter Oberkörper zu sehen. Nach einigen Minuten kam Erich zur Sache.
“Otto. Du kannst Dir sicher denken, ich bin nicht zum Spaß hier.”
“Was liegt Dir denn auf dem Herzen, mein Sohn?”, ächzte der alte, mit den Möbeln verschmolzene Mann.
“Hauke Hesse. Die Akte Hauke Hesse. Einfach nicht zu finden.”
Mit einem Donnerhall schlug das Oberlicht durch einen Windzug zu, eisige Stille machte sich breit und Otto senkte seinen Blick zu Boden.
“Hau… Nie wieder wollte ich… Frag mich bitte nicht”, flüsterte Otto mit einbrechender Stimme.
“Ich muss.”, antwortete Erich selbstsicher und schlug sich selbst hinters Ohr. Sein Blick schnitt den Raum förmlich in zwei Hälften.
“Otto! Für mich ist das nicht einfach ein Beruf. Es ist nicht einfach eine Blatt Papier oder eine verschlossene Tür. Nicht einfach nur Stift. Für mich ist das Telefon nicht einfach ein Telefon, oder der Kollege einfach ein Kollege…”
“Ich weiß”, unterbrach ihn Otto, “Ich weiß.”
Und so berichtete Otto von eine sehr alten und grausamen Geschichte.

 

Vor einigen Jahrhunderten gab es ganz in der Nähe einen Dorffürsten. Er war kein Einheimischer und die Leute begegneten ihm mit Argwohn und Misstrauen. Die Position des Dorffürsten konnte er nur durch die Heirat mit einer vermögenden Tochter des Dorfes einnehmen und das schmeckte den anderen paar Einwohnern gar nicht. Doch nicht nur, dass dieser Fremde ihr Dorffürst wurde, er entwickelte auch noch eigene Ideen um das Dorf bedeutsamer im Umland zu machen. So kam es, er war gerade erst einige Jahre in der Position des Dorffürsten, das jener Fürst anordnete, auf den beiden Haupthandelswegen kleinere, sehr feste Erhöhungen anzulegen. Die Dorfbewohner waren irritiert und wenig erfreut. Was sollte das bringen? Sie begehrten auf, doch der Dorffürst setzte seine Wünsche gegen Sie durch. Ihm sei aufgefallen, dass durch das Dorf reisende Kutschen immer im Galopp getrieben werde, was gefährlich für die Dorfälteste war und dem Handel nicht zuträglich. Die Erhöhungen würden sicher die Radwagen beschädigen, sollten Sie weiter derart durch das Dorf eilen. Besucher seien also gezwungen mit Bedacht das Dorf zu passieren und die Bewohner hätten die Möglichkeit ihre außerordentlich deliziösen Maiskolben an den Mann zu

Deadman
Halloween ist nah…

bringen. Unruhen entstanden. Wie viele Besucher fuhren schon durch das Dorf? Ein, zwei die Woche? Sicher nicht mehr. Die einzigen also die gezwungen wären mit Bedacht zu fahren, sollten vermutlich sie selbst bleiben. Volkes Unmut darüber war groß. Die Bewohner waren überzeugt das nur ein dämonischer Geist hinter diesen Ideen stecken konnten, weshalb sie sich entschlossen der Familie des Dorffürsten den Gar auszumachen. Nach altem Brauch bewarfen Sie die Frau des Fürsten und seine Tochter mit alten Maiskolben. Als der Fürst das sah, war er außer sich, rannte zu seiner Familie und nahm die Kolben um sie zurückzuwerfen. Er erreichte seine Familie mit Müh und Not, hinter sich sah er nur noch, seine Familie war tot. Die Frau erschlagen, die Tochter erstickt, kein Maiskolben brachte Ihnen heute Glück. Die Dorfbewohner kreisten ihn ein, bespuckten und verfluchten ihn. Er solle zurück in die Hölle gehen, aus der er gekrochen sei. Überwältigt durch die Dorfbewohner wurde ihm ein Maiskolben durch die Brust ins Herz gestoßen. Das Ende unseres Fürsten. Der gesuchte Name ist es, den er trug.

[…fortsetzung folgt…]

Warum ich Captain Planet vermisse!

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Ja, damals war Vokuhila noch cool. Er hatte einen. Ich hatte auch einen.
Ja, damals war Vokuhila noch cool. Er hatte einen. Ich hatte auch einen.

Der kleine Bassing Ben war nicht immer ein Basser. Im Gegenteil. Den E-Bass habe ich erst spät entdeckt. In jungen Jahren war ich lediglich ein interessierter und neugieriger Junge, ständig auf der Suche nach neuen Dingen. Das erste Instrument, das ich spielte, war eine leere Blechtonne in einem Kuhstall. Gesungen habe ich auf einem alten Kassettenrecorder in imitiertem englisch. Die Kindheit ist einige wenige Jahre lang und in meinem Fall gab es sicher viel zu viele Dinge, die nicht paradesk gelaufen sind, dennoch gab es einen kleinen, aber ungemein wertvollen Teil, für den ich ungemein dankbar bin. Eine kurze Zeit, in der ich wirklich Kind war.

Ich erinnere mich auf Grund eines Berichtes über den Klimawandel und seine Auswirkungen, den ich vor kurzem gelesen habe. Dem Bericht beigefügt war ein Bild eines verhungerten Eisbären. Es kann einen Menschen unfassbar traurig machen solche Bilder zu sehen. Zumindest mich hat dieses Bild berührt. Vielleicht weil es einem ungerecht vorkommt. Wie könnte sich ein Bär gegen den Klimawandel wehren? Vielleicht auch, weil einem klar wird, dass die Menschen wider allen Kenntnissen in die immer gleiche Richtung laufen („Im Gleichschritt Arsch“). Unweigerlich erwische ich mich bei dem Gedanken, das es womöglich in wenigen Jahrzehnten keine Eisbären mehr geben könnte.

Es ist dieser Gedanke, der mich zurück in den guten Teil meiner Kindheit bringt. Den Teil, in dem ich mit meinem Freund eine 1,5m-lange Ringelnatter gefunden habe und sie zu Hause in der Badewanne “beheimatete”. Den Teil, in dem ich Eidechsen gefangen habe und mich über Blindschleichen gefreut habe. Den Teil, in dem mir ein Feuersalamander begegnete und ich auch mal eine Kreuzotter sah. Der naheliegende Wald und die Suche nach Wildschweinen. Rehe auf der Lichtung und ein Fast-Zusammenstoß mit einem jungen Hirsch auf dem Fahrrad. Zum Schulunterricht brachte man schonmal ein Einmachglas mit, in dem man stolz Frösche, Schnecken oder sonstige Tiere zur Veranschaulichung präsentierte. Für mich sind diese Erinnerungen das normalste von der Welt und von denen ich erwarten würde, das sie die meisten in ähnlicher Form erfahren haben. Mir wird aber klar, dass dem nicht so ist. Selbst für meine Generation war das vielleicht schon etwas “klassisch”. Ich sehe das Bild dieses verendeten Eisbären und ich frage mich unweigerlich, ob es auch in 20 Jahren noch Kinder geben wird, die Ringelnattern fangen können? Die Feuersalamander entdecken können? Oder ob Menschen immer mehr den Kontakt zu ihrer natürlichen Umgebung verlieren und wir gar nicht bemerken, das es keine Hirsche mehr gibt, die uns über den Weg laufen könnten. Das wir Feuersalamander nur noch aus dem Buch kennen. Die Möglichkeit so viele Dinge zu entdecken, hatte ich auch durch das Glück ganz in der Nähe des Drömlings aufzuwachsen. Auch wenn ich im Laufe meiner Kindheit umziehen musste und viele Dinge sich änderten, sind beim Schlagwort Kindheit doch stets die ersten Dinge, die mir einfallen Pfeil und Bogen (meiner funktionierte nicht), das Durchlaufen einer Wiese mit Heidschnucken, das Suchen nach einer Bisamratte, das Fangen von Stichlingen, das Bauen eines Iglus im Winter, wobei ich darin sehr ungeschickt war und auch das Rodeln an einem kleinen Abhang, selbst das Eishockey spielen auf den zugefrorenen Fischerteichen. Unzählige Kinder, die sich immer und immer wieder zum Fußball spielen trafen. All die “Banden”, die wir gründeten.

Der Gedanke, das es irgendwann Kinder geben könnte, die nie eine Ringelnatter sehen oder wissen, was eine Kreuzotter ist, macht mich nachdenklich. Heute haben die Kinder mit sechs Jahren schon ein Mobiltelefon. Aktuell fangen Sie vermutlich RatziFratzis oder andere Pseudo-Viecher. Wen könnte da schon eine Meldung eines verhungerten Eisbären irgendwo in der Arktis stören? Macht ihn ja auch nicht mehr lebendig.

Es gibt nicht uns und das Ökosystem, sondern wir sind ein Teil dieses Systems! Wer möchte nicht, wenn er die Möglichkeit hätte, sein Kind in einer natürlichen Umgebung aufwachsen sehen? Ohne Fernverkehr und Raser, dafür mit Hirschen und Eidechsen. Nichts ist interessanter als das Leben und das Leben gibt es nur dort. Kinder lernen kein Gefühl für die Umwelt, weil Sie in der Schule schöne Bilder gezeigt bekommen. Kinder lernen an sich selbst und ihren eigenen Erfahrungen, wenn sie tief im Wald sind und das Gefühl haben, hier gehöre ich hin ohne sich an Ihrem Telefon festzuhalten und Angst zu haben, man könnte irgendein RatzFratz verpassen.

Man hat das Gefühl, wenn man Ihnen nicht die Möglichkeit gibt all diese Dinge kennenzulernen, wie sollen sie dann diejenigen sein, die in der Zukunft seinen Wert erkennen und ihn schützen? Aber vielleicht liegt es auch an mir, das ich den Blick für den Zeitgeist verloren habe und nun romantisch-verklärt zurück blicke.

Übrigens war eine meiner Lieblingsserien in meiner Kindheit Captain Planet. Fünf Kinder versuchten böse Walfänger (oder andere Umweltsünder) aufzuhalten und scheiterten um am Ende in höhster Not Captain Planet zu rufen, der als eine Art grüner Supermann einmal kräftig aufräumte, die Wale in die Freiheit entließ und die Bösewichte einkerkerte. Am Ende gab er immer noch einen schlauen Tip, warum es z.B. wichtig ist Müll nicht einfach irgendwo hinzuwerfen. Das war in den 90er. Und es ist einer der Gründe, warum ich die 90er manchmal vermisse. Die Menschen waren nicht so ‘ne Zombies. Heute ist immer jemand anderes Schuld.

Die, die sich nicht wehren können, sollten kein Kollateralschaden sein, sondern sie sollten unseren Schutz erfahren. Auch Eisbären.

euer

Bassing Ben

(PS: “The last Giants” (2009) ist eine Dokumentation über die Meerenge von Gibraltar und ein weiteres Beispiel für das Zusammenspiel zwischen Mensch und Natur. In dieser Meerenge kann es passieren, das ein Finnwal (bis zu 27 Meter lang) einfach von einem Tanker „überfahren“ wird. Ohne das es jemand merkt stirbt ein solch außergewöhnliches Tier bei der Überführung von Bananen.)

Einsamer Basser sucht…

AlltagBassLiebeSatire

Heute läuft es mit der Liebe anders als in den 90ern. Man sucht die Liebe nicht auf den Straßen, den Cafés oder bei Freunden. Man legt ein Profil im Internet an und lässt sich finden. Von der großen Liebe wohlgemerkt. Dies bringt viele Vorteile mit sich. Zum Beispiel kann man sich weiterhin im Alltag Kopfhörer aufsetzen und muss sich nicht zu sehr mit seiner (saudummen) Umwelt auseinander setzen. So genannte „Körbe“ sind weniger schmerzhaft und mit einem Klick schon wieder im virtuellen Papierkorb verschwunden. Die Bemühungen nicht komplett irrsinnig zu wirken und Positionen einzunehmen, die das Furunkel am Hals nicht zu sehr in den Vordergrund stellen sind auch hinfällig. Ein schönes Bild, ein paar Filter und ein gut ausgefüllter Steckbrief und der Rest läuft ganz von allein. Das ist Liebe 2016. Ein Segen also? Ausreißer wie die vielleicht nicht ganz ehrlichen Herrschaften von „Lovoo“ sind Ausnahmen und nicht zu hoch zu bewerten. Liebe ist kapitalistisch. Wem es schwer fällt ein schönes Bild von sich zu finden, weil er, ähnlich wie ich, grottenhäßlich ist, hat immernoch die Möglichkeit sich Abends mit einem coolen Pseudonym wie „PimmelSchimmel“ in die LiveCam-Chatrooms dieser Welt zu begeben und sich mit Hundertschaften Gleichgesinnter der Aufmerksamkeit einer völlig unkapitalistischen Schönheit zu erfreuen. Wer bereit ist, nur ein kleines Stück seiner Selbst zu verkaufen, wird dafür ganz sicher hundertfach entlohnt. Wir schreiben schließlich 2016.

Ich selbst habe es versucht über ein Dating-Portal Kontakte zu knüpfen. Meine letzte Beziehung ist gescheitert, ich bin nicht mehr in der Schule und damit in einem Alter, in dem es manchmal schwer fällt neue Bekanntschaften zu knüpfen. Aber einen Zugang konnte ich nicht finden. Merkwürdig mutet es an sich Bilder von Menschen anzuschauen und diese nach links oder rechts wegzuwischen. Jeder wischt natürlich nach anderen Kriterien, mein Hauptkriterium war Humor. Ich lache gerne. Viel. Also alle unlustigen Damen rigoros nach links weggewischt. Oder nach rechts. Ganz genau weiß ich es nicht mehr. Vielleicht fragt ihr euch, wie bitte man Humor einem Menschen auf einem Bild ansieht? Keine Sorge, das ist eine krasse Bassing-Ben-Spezial-Fähigkeit. Damen in Unterwäsche z.B. sind ganz bestimmt mega lustig. Kleine Frauen sind super lustig. Noch lustiger als die in Unterwäsche. Perfekt wäre also eine kleine Frau in Unterwäsche. Auch da gibt es Unterschiede, aber man muss auch bereit sein Abstriche zu machen. Ich selbst habe natürlich ein Bild mit Bass von mir gepostet. Sah ein bisschen komisch aus, weil meine Arme nicht so wahnsinnig lang sind und ich das Foto als „Selfie“ machen musste. Zumindest weiß man aber schon mal das wichtigste von mir: Ich hab‘ nen Bass. Unter uns, ich habe sogar zwei, aber beide habe ich nicht aufs Bild bekommen.

Den ersten „Chats“ sah ich bereits aufgeregt entgegen und dann kam irgendwann auch die erste Nachricht. „Halo. Ich bin Sasa. Spielst Du Gitarre?“ Wow! Schon beim ersten Lesen spürte ich das Vibrieren der Luft. Die Liebe klopfte zaghaft an meine Tür. Um sicher zu gehen las ich den Text sicherlich zehn Mal. So formvollendet. So schön. Sasa. So hieß sie also? Als ich bemerkte, dass das Vibrieren doch weniger Sommergefühle als vielmehr Ernüchterung war, entschloss ich mich die Tür geschlossen zu halten. Ich meine… ein Foto. Mit BASS. Was? Liebe Sasa, warum denkst Du, ich würde den spielen? Ich halte ihn natürlich nur aus optischen Gründen vor mir, damit Du mich genau das als erstes fragen kannst und ich dann antworten darf: Nein! Ich spiele nur Schach. Aber das Brett vor der Brust sah so doof aus (wäre allerdings leichter zu fotografieren gewesen). Und nur nochmal zur Sicherheit: ein Bass! Es ist ein gottverdammter BASS. Okay, eine Bassgitarre, schon klar, aber hey! Ich bin Basser! Man fragt mich einfach nicht, ob ich Gitarre spiele. Stört mich ein falsch geschriebenes „Hallo“? Ach was… woher denn? Passiert uns doch allen Mal in der Aufregung. Nimm Dir einfach 10 Sekunden Zeit, im Notfall schnapp Dir den Duden. Sollte Dir egal sein, welchen Eindruck Du bei mir machst, dann schreib mir gar nicht erst. Das ist so unendlich dämlich! But… Keep calm. Schließlich ist das erst der Anfang von etwas ganz Wunderbarem. Es schien mir angebracht das Zepter selbst in die Hand zu nehmen, denn am Ende bin ich immer noch ein ganzer Kerl (der auf einem Dating-Portal mit einem Steckbrief seine Muskeln spielen lässt). Ich schrieb meine erste eigene Nachricht an Basskitten92. Sie hatte sich mit einem Strandbild präsentiert und gab an 1,62 zu sein. Fast 100% Trefferquote der 2-Punkte-Checkliste. Zudem gefiel mir unerklärlicher Weise ihr Name einfach.

„Hallo Basskitten, ich bin gerade über Dein Profil gestolpert und Dein Strandbild gefällt mir wirklich gut. Du scheinst mir viel Humor zu haben. Würde mich über Antwort freuen.“

Einsamer Bassist sucht kleine Bassisten zum gemeinsamen Bassen.

Nachdem ich auch drei Wochen später keine Antwort erhalten habe, außer vom Portal-Anbieter, welcher mir erklärte wie ich mit unterschiedlichen Möglichkeiten meine Nachricht direkt an Ihren Kopf nageln könnte, bekam ich erste Zweifel, ob diese Art der Kontaktaufnahme tatsächlich das richtige für mich war. Möglicherweise ist meine pointierte Nachricht an Platz 317 zwischen den Nachrichten von BigJimmy und Womanzier88 untergegangen. Vielleicht kam auch meine Aussage nicht richtig durch zwischen all den deutlich formulierter Mitteilungen. Hätte ich vielleicht doch direkt die Aufgabe meines Lebens offerieren sollen? Liebe Basskitten, ich habe wirklich noch nie in meinem ganzen Leben ein so ausgesprochen wunderschönes Strandbild gesehen! Ich bin „Old School“. Datingportale scheinen mir wie ein Billig-Vodka für ein paar Cent mit der Gefahr zu erblinden. Ich habe versucht daran zu nippen, hektisch zurück gezuckt und mich gefragt, ob das wirklich jemand trinkt?

Glücklicher Weise traf ich nur wenig später eine sehr nette Dame an der Gemüse-Theke. Unsere Blicke trafen sich, ich lächelte, sie nahm ihr Handy und schrieb Sternenjäger28 über eine Smartphone-App. Es wäre ja auch zu schön gewesen.

euer
Bassing Ben

Where will you go, Europe?

GeschichtePolitik

Vor zwei Wochen habe ich auf Instagram das Bild eines Kriegsalmanach von 1915 gepostet. Wie gerne habe ich schon immer die Zeilen eines Rainer Maria Rilke gelesen, und wie irritiert war ich als ich „Fünf Gesänge“ las und mich über die Rolle eines Rilke zum 1. Weltkrieg informierte. In meinem Instagram-Beitrag erwähnte ich die Worte eines Stefan Zweig ([…] jeder einzelne erlebte eine Steigerung seines ich, er war nicht mehr der isolierte Mensch von früher, er war eingetan in eine Masse von Volk und seine Person, seine sonst unbeachtete Person hatte einen Sinn bekommen) und eines Thomas Mann und verspürte unweigerlich Ehrfurcht, ob dieser Propaganda, wie weit sie wirkte, wie viel sie mobilisierte und wieviele Menschen es am Ende das Leben kostete. Heute, da Parteien wie AfD, Front Nationale oder Gruppierungen wie Pegida und andere unübersehbar geworden sind und sich die „Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen“-guten-Bürger immer mehr mobilisieren und jegliche Empathie vermissen lassen, gleich wem gegenüber, macht mir diese Vergangenheit Angst. Intelligente, gebildete Männer fanden Trost und Zuflucht im Gedanken eines Krieges, den sie später bereuen sollten. Wie mögen wohl erst weniger beglückte und erfolgreiche Menschen denken? Nun ist es in England zu einem fürchterlichem Mord an einer Politikerin gekommen. Bereits in Deutschland gab es einen Angriff auf eine Politikerin mit dem Messer. Es erübrigt sich etwas dazu zu sagen. Auf der einen Seite die Mahnmale, die Gedanken an Vergangenes, die Hoffnung auf das Lernen, auf der anderen Seite der Hass, die Angst und die Gewalt. Vielleicht ist es uns nicht möglich all die Entwicklungen zu beeinflussen, am Ende aber können wir sehr wohl unsere eigene Entwicklung beeinflussen. Wir sollten darauf achtgeben. Wem wir folgen. Wie wir uns entwickeln.

Hört nicht auf zu denken!
euer,
Bassing Ben

 

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